Lipiny

Kapitel I

Foto Nr. 3Filmkulisse „Le Brasier“, Świętochłowice-Lipiny, Oberschlesien, April 2015  

Nordfranzösisches Steinkohlerevier in Oberschlesien

„Nordfranzösisches Steinkohlerevier in Oberschlesien“ ist eine kurze Geschichte über die Entstehung des Fotos „Vormittag im Revier“ und eine Assoziationskette ästhetischer und biografischer Gedanken eines heimatlosen fotografierenden Spätaussiedlers.

Es ist April und zu dritt crui­sen wir an die­sem son­ni­gen Mor­gen durch Ober­schle­si­en. Ich sit­ze hin­ten im Wagen und neben mir liegt, wie so oft unter­wegs, der Foto­ap­pa­rat. Wir fah­ren in den Stadt­teil Lipi­ny in Świę­tochło­wice hin­ein und genie­ßen die links und rechts lang­sam an uns vor­bei­zie­hen­de Stadt­land­schaft mit den typi­schen Back­stein­fas­sa­den der in die Jah­re gekom­me­nen Häu­ser. Zu mei­ner rech­ten Sei­te sehe ich ein Mäd­chen im Fens­ter sit­zen, das wohl die ers­ten war­men Tage des Früh­lings auf der Fens­ter­bank genießt. Das Fens­ter­sit­zen hat hier, wie auch im Ruhr­ge­biet, Tra­di­ti­on. Es ist aber mitt­ler­wei­le vom Aus­ster­ben bedroht, seit­dem Men­schen klei­ne Tele­vi­so­ren mit sich tra­gen und die Welt dadurch betrach­ten. Plötz­lich fällt mir ein unge­wöhn­li­ches Stadt­pan­ora­ma ins Auge. Ich bit­te mei­ne Freun­de, kurz anzu­hal­ten und stei­ge aus dem Wagen. „Es ist wie eine Film­ku­lis­se“, sage ich zu mir selbst. Bin ich noch im alt­ver­trau­ten Ober­schle­si­en oder bin ich in Frank­reich oder in den USA? Ein Motiv der geo­gra­fi­schen Ver­wir­rung steht mir gegen­über. Wo befin­den wir uns? Viel­leicht in einem Gemäl­de der 1920er-Jah­re von Edward Hop­per in New York? Oder bin ich in einer stim­mungs­vol­len Foto­gra­fie von Wim Wen­ders gelandet?
Die Zeit steht still. Es ist der mor­gend­li­che Licht­ein­fall, der die­se gewöhn­li­che ober­schle­si­sche Stra­ße zur fil­mi­schen Kulis­se des ame­ri­ka­ni­schen Rea­lis­mus sti­li­siert. Zwi­schen Licht und Schat­ten zeich­net sich hier vor mei­nen Augen der Schau­platz einer Wes­tern­stadt ab, indem das Licht die Tri­via­li­tät des Ortes über­malt und eine Sze­ne vol­ler Iso­la­ti­on kre­iert. Kein Ver­kehr und nur zwei unwirk­li­che Gestal­ten in der Fer­ne, zwei Men­schen, die den Ort für sich zu bean­spru­chen schei­nen und die auf mich wie Sta­tis­ten wir­ken. Eine urba­ne See­len­land­schaft der Ein­sam­keit mit nahe­zu meis­ter­haf­ter Beleuch­tung durch den mor­gend­li­chen kon­trast­rei­chen Son­nen­ein­fall. Das ist ein Anblick, von dem ich schon frü­her geträumt haben muss, also reagie­re ich und stel­le den Foto­ap­pa­rat ein. Mei­ne bevor­zug­te For­mat­wahl ist die Hori­zon­ta­le, denn das Quer­for­mat ver­leiht der Stadt­land­schaft die wohl­ver­dien­te Haupt­rol­le. Ich drü­cke mehr­mals den Aus­lö­ser und der Rest geschieht daheim. Ich bear­bei­te das Bild und suche dann nach einer Erklä­rung für den Schrift­zug „Le Nou­veau Com­bat­tant / Le mieux infor­mé“, was man mit „Der neue Kämp­fer / Bes­ser infor­miert“ über­set­zen kann. Ich wer­de fün­dig. Die Fas­sa­den­ma­le­rei wur­de einst eigens für einen fran­zö­si­schen Film des Regis­seurs Éric Bar­bier auf der Zie­gel­wand ange­bracht. Der Film heißt „Le Bra­sier“ und han­delt von den sozia­len Kämp­fen in einem Berg­bau­ge­biet der 1930er-Jah­re in Frank­reich. Die Stadt­land­schaft erweist sich tat­säch­lich als wah­re Filmkulisse.

Ich stau­ne, denn auch mei­ne Vor­fah­ren waren in den 1920er- und 30er-Jah­ren auf Arbeit­su­che in die­se Rich­tung gereist. Mei­ne in Dort­mund gebo­re­ne Urgroß­mutter Wan­da und ihre Eltern zogen in die Indus­trie­ge­bie­te Frank­reichs und lie­ßen sich in Escau­da­in im Dépar­te­ment Nord nie­der. Sie lern­te dort ihren Ehe­mann Paul Johann ken­nen. Sie gebar dort einen Sohn, den sie auch Paul nann­te. Rich­tig hei­misch wur­den mei­ne Urgroß­el­tern dort jedoch nie und so ver­lie­ßen sie Frank­reich aus heu­te schwer nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den (viel­leicht kann der Film dies ansatz­wei­se erklä­ren?) und zogen wei­ter nach Ober­schle­si­en, wo Wan­da drei wei­te­re Kin­der gebar. Kurio­ser­wei­se kam es so, dass sich Paul und Hel­mut, das ältes­te und das jüngs­te Kind, zeit­le­bens nicht in der glei­chen Spra­che ver­stän­di­gen konn­ten. Paul leb­te in Lünen im Ruhr­ge­biet und sprach deutsch und Hel­mut lebt noch immer in Ruda Śląs­ka und spricht pol­nisch. Die ande­ren Geschwis­ter sind zwei­spra­chig auf­ge­wach­sen und wur­den somit zu Ver­mitt­lern zwi­schen Paul und Hel­mut. Letzt­end­lich ver­dan­ke ich der Migra­ti­on mei­ner Urgroß­el­tern, dass ich in Ober­schle­si­en gebo­ren wor­den bin. Hier lie­gen mei­ne Wur­zeln und ich lie­be die­se Regi­on, die Luft und den schle­si­schen Dia­lekt, den ich zum Glück nie ver­lernt habe. Er erhält den Rest einer regio­na­len Zuge­hö­rig­keit in mir auf­recht. Im hohen Alter, Anfang der 1980er-Jah­re, kehr­te mei­ne Urgroß­mutter wie­der ins Ruhr­ge­biet zurück und 1987 folg­te ihr der Rest der Fami­lie mit mir auf der Rück­bank unse­res Fiat 125p.

Doch zurück zum ange­spro­che­nen Film: „Le Bra­sier“ ist ein Sozi­al­dra­ma, das zu Beginn der 1930er-Jah­re im nord­fran­zö­si­schen Stein­koh­le­re­vier spielt. Es kommt zu Kon­flik­ten zwi­schen den emi­grier­ten pol­ni­schen Berg­ar­bei­tern, die mit ihren Fami­li­en um sozia­le Sicher­heit kämp­fen, und dem fran­zö­si­schen Kum­pel, der eine Gefähr­dung des schwer erar­bei­te­ten Wohl­stands durch die ein­ge­wan­der­ten pol­ni­schen Fami­li­en fürch­tet. Die Geschich­te erin­nert mich an die heu­ti­ge Zeit und ihre poli­ti­schen Stamm­tisch-Debat­ten rund um die Pro­ble­ma­tik des Ankommens.

Ob im Film oder in der Rea­li­tät, immer wie­der ist es die Geschich­te des Frem­den­has­ses und der Ängs­te der bereits Ange­kom­me­nen gegen­über den Rei­sen­den. Es ist das Schick­sal des klei­nen Jesus von Naza­reth, sei­ner Eltern und des Esels.

Obwohl die The­ma­tik des Films als sol­che von hoher gesell­schaft­li­cher Rele­vanz ist und nicht an Aktua­li­tät ver­liert, kann sich der Film in den Augen der Kri­ti­ker nicht bewäh­ren und wird zum wirt­schaft­li­chen Miss­erfolg. Was bleibt, ist eine Wand­be­ma­lung und ein Foto, das mir zwi­schen den Zei­len mei­ne Fami­li­en­ge­schich­te erzählt.