Dokumentarische Beobachtungen (2019)

Fotochronografie | Transformation und dokumentarische Praxis

Die im Broad­pic Eigen­ver­lag erschei­nen­den Arbei­ten ver­bin­den doku­men­ta­ri­sche Beob­ach­tung mit erzäh­le­ri­schen Bild­for­men. Foto­gra­fie wird hier als Instru­ment begrif­fen, um gesell­schaft­li­che Pro­zes­se und struk­tu­rel­le Brü­che sicht­bar zu machen. Die Pro­jek­te unter­su­chen die wech­sel­sei­ti­ge Bezie­hung zwi­schen dem Men­schen und sei­nem Umfeld sowie die Art und Wei­se, wie Trans­for­ma­tio­nen Iden­ti­tät umord­nen. Zen­tral ist dabei die Metho­de der Foto­chro­no­gra­fie, um zeit­li­che Dyna­mi­ken in prä­zi­sen Bild­fol­gen festzuhalten.

Ein Bei­spiel für die­sen Ansatz ist die Bild­se­rie zur Spren­gung des Koh­le­kraft­werks Gus­tav Knep­per im Jahr 2019. Sie doku­men­tiert den Über­gang von einer fos­si­len Ord­nung zu einer ver­än­der­ten ener­ge­ti­schen Rea­li­tät. Die foto­gra­fi­sche Sequenz dehnt den Augen­blick des Falls und macht die schritt­wei­se Auf­lö­sung einer ver­trau­ten Land­mar­ke sicht­bar. Unord­nung erscheint hier als phy­si­scher Pro­zess, in dem bestehen­de Koor­di­na­ten der Land­schaft in Staub und Trüm­mern zer­fal­len. In einer drei­tei­li­gen Dra­ma­tur­gie bleibt eine fast lee­re Land­schaft zurück, in der ein Pferd als zeit­lo­ser Zeu­ge des Umbruchs ver­harrt. Die Arbeit mar­kiert einen wesent­li­chen Punkt in der künst­le­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Struk­tur­wan­del und dient als Sinn­bild für einen Pro­zess, der weit über das rein Indus­tri­el­le hinausgeht.

Dabei fun­giert die foto­gra­fi­sche Doku­men­ta­ti­on als Refle­xi­on eines Wan­dels, der lokal ver­or­tet ist, in sei­nen Aus­wir­kun­gen jedoch glo­ba­le Aus­ma­ße annimmt. Poli­ti­sche Wei­chen­stel­lun­gen und der Rück­bau indus­tri­el­ler Groß­an­la­gen sind die sicht­ba­re Ober­flä­che einer Ver­än­de­rung, die jeden Ein­zel­nen erreicht. Das Ver­schwin­den der Land­mar­ke wird zum Sym­bol für den Ver­lust gewohn­ter Ori­en­tie­rungs­punk­te in einer sich neu ord­nen­den Welt. Wenn indus­tri­el­le Struk­tu­ren wei­chen, lösen sich bio­gra­fi­sche Kon­stan­ten auf. Die Lee­re, die nach dem Zer­fall im Bild zurück­bleibt, spie­gelt die Her­aus­for­de­rung wider, Iden­ti­tät jen­seits alter Fix­punk­te zu orga­ni­sie­ren. Der struk­tu­rel­le Wan­del wird so zu einer per­sön­li­chen Auf­ga­be, die eige­ne Posi­ti­on in einer glo­bal ver­netz­ten Rea­li­tät neu zu definieren.

Foto: Knep­per-Kraft­werk | Cas­trop-Rau­xel, 17. Febru­ar 2019

Der Aus­stieg aus der fos­si­len Ener­gie und die Ener­gie­wen­de schrei­ten vor­an. Am 17. Febru­ar 2019 wur­de in Cas­trop-Rau­xel, Stadt­gren­ze Dort­mund-Men­ge­de, das Knep­per-Kraft­werk gesprengt. Zuerst fiel das knapp 70 Meter hohe Kes­sel­haus, spä­ter der 128 Meter hohe Kühl­turm mit dem 210 Meter hohen Schorn­stein. Inner­halb weni­ger Sekun­den ver­schwan­den die Land­mar­ken aus der Land­schafts­pan­ora­ma von Cas­trop-Rau­xel, Dort­mund und Umge­bung. Hun­der­te Schau­lus­ti­ge beob­ach­ten das Schau­spiel. Vie­len lag das Kraft­werk irgend­wie am Her­zen. Zu sehen ist eine Serie von der zwei­ten Sprengung.